USA & Macro-Lage
Die Wall Street startet stabilisiert in die neue Woche. Der S&P 500 beendet seine zweitägige Verlustserie, während der Nasdaq 100 rund 1 % zulegt. Den stärksten Impuls liefert die Erholung der Halbleiterwerte: Ein Branchenkorb mit NVIDIA, Broadcom und weiteren Chipkonzernen gewinnt etwa 2,5 %, nachdem der Sektor zum Ende der Vorwoche in einen Bärenmarkt rutscht. Die Kursbewegung signalisiert eine technische Gegenreaktion, aber noch keine Entwarnung für den gesamten KI-Infrastruktur-Komplex.
Der Verkaufsdruck institutioneller Anleger bleibt ein Risikofaktor. Laut dem Prime-Services-Team von Goldman Sachs um Vincent Lin reduzieren Hedgefonds ihre Engagements in US-Technologiewerten über die vergangenen zwei Monate in Rekordtempo. Das Ausmaß der Verkäufe seit Anfang Juni deutet auf eine deutliche Bereinigung überfüllter Positionen hin. Erste Anzeichen einer Kapitulation schaffen kurzfristig Erholungspotenzial, unterstreichen jedoch zugleich die gestiegene Skepsis gegenüber Halbleiter-, Speicherchip- und Rechenzentrumswerten.
Am Rohstoffmarkt verliert die Ölpreisrally an Kraft. Brent notiert bei rund 87,94 USD je Barrel, nachdem Berichte über diplomatische Initiativen zwischen den USA und dem Iran die Sorge vor einer weiteren Eskalation dämpfen. Vermittler schlagen laut Reuters eine zehntägige Unterbrechung der Angriffe vor. Die außenpolitische Linie der Trump-Administration bleibt damit ein zentraler Marktfaktor: Militärischer Druck und Gesprächssignale bestehen parallel und sorgen für hohe Schwankungen bei Energiepreisen, Inflationserwartungen und Risikoaufschlägen.
Die Lage bleibt fragil. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, über die normalerweise etwa ein Fünftel des weltweiten Ölangebots fließt, liegt weiterhin nahezu still. Zugleich drohen die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen mit einer Blockade Saudi-Arabiens im Roten Meer. Damit geraten auch alternative Exportwege für mehrere Millionen Barrel pro Tag in Gefahr. Eine nachhaltige Entspannung erfordert daher mehr als eine begrenzte Feuerpause.
Am Anleihemarkt liegt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bei 4,56 %. Das hohe Niveau begrenzt die Bewertungsfantasie wachstumsstarker Technologieaktien und erhöht den Druck auf Unternehmen, milliardenschwere KI-Investitionen durch sichtbare Erlöse und Cashflows zu rechtfertigen. Der Bloomberg-Dollarindex zeigt sich weitgehend unverändert.
Wochenausblick: Die Berichtssaison und neue Konjunktursignale bestimmen die Richtung. Am Dienstag veröffentlichen unter anderem 3M, General Motors, Charles Schwab und Halliburton ihre Zahlen. Am Mittwoch folgen mit Alphabet, Tesla, IBM, ServiceNow, Texas Instruments und AT&T mehrere Schwergewichte. Am Donnerstag stehen Intel, Blackstone, Honeywell, Lockheed Martin und T-Mobile US im Mittelpunkt, am Freitag berichten American Express, NextEra Energy, SLB und Verizon.
Auf der Makroseite liefert der ADP-Arbeitsmarktbericht am Dienstag einen Hinweis auf die Beschäftigungsdynamik. Am Donnerstag folgen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, für die der Konsens 215.000 Anträge erwartet. Die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes zeigen, ob die US-Wirtschaft ihr robustes Tempo hält; Ökonomen rechnen im verarbeitenden Gewerbe mit 54,1 Punkten und im Dienstleistungssektor mit 51,2 Punkten. Die Neubauverkäufe am Freitag stehen laut Konsens bei annualisiert 625.000 Einheiten. Für die Fed entscheidet vor allem die Kombination aus Arbeitsmarktstärke, energiegetriebener Inflation und Wachstumsdynamik darüber, wie lange das restriktive Zinsniveau Bestand hat.
Deutschland & Europa
Der DAX stabilisiert sich bei rund 24.832 Punkten und bewegt sich damit kaum. Der MDAX gibt leicht um 0,1 % auf 31.827 Punkte nach, während der EuroStoxx 50 geringfügig zulegt. Auch in Europa dominieren die widersprüchlichen Nachrichten aus dem Nahen Osten: Gesprächsangebote zwischen Washington und Teheran stützen die Risikobereitschaft, die Bedrohung zentraler Schifffahrtsrouten verhindert jedoch eine breitere Erleichterungsrally.
An der DAX-Spitze gewinnt Siemens Energy 4,4 % und steigt auf gut 154 EUR. UBS erhöht das Kursziel von 175 EUR auf 210 EUR. Analyst Christopher Leonard erwartet auch im kommenden Jahr eine positive Auftragsentwicklung und verweist auf die angehobene Wachstumsprognose im Gasturbinengeschäft. Entscheidend bleibt, wie lange die hohe Nachfrage nach Netzinfrastruktur, Kraftwerkstechnik und Systemen zur Absicherung des steigenden Stromverbrauchs anhält.
Fresenius legt knapp 3 % zu. Rückenwind liefert ein optimistischer Ausblick der Deutschen Bank auf die anstehenden Quartalszahlen. Nordex erholt sich um gut 5 %, während Salzgitter mit einem Plus von mehr als 3 % an die positive Reaktion auf den zuversichtlicheren Geschäftsausblick anknüpft.
Im SDAX springt Friedrich Vorwerk 11,6 % nach oben. Laut Berenberg überschätzt der Markt die Belastung durch die geplante Änderung des Erdkabelgesetzes. Analyst Lasse Stueben sieht den Pipeline- und Anlagenbauer gut positioniert, um vom Aufbau des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes und von der Modernisierung der Erdgasinfrastruktur zu profitieren.
Dagegen verliert Lufthansa mehr als 1 %. Hohe Treibstoffkosten und Zweifel an der Reiselust belasten den Sektor. Der Quartalsbericht von Ryanair verschärft die Sorgen: Der Gewinn sinkt um 34 %, während der Konzern angesichts schwächerer Nachfrage die Preise im Sommergeschäft reduziert. Die Aktie reagiert zeitweise mit einem Abschlag von 6,7 %.
Rheinmetall stärkt unterdessen seine langfristige Position im britischen Verteidigungsmarkt. Ein von RTX Raytheon geführtes Konsortium erhält vom britischen Verteidigungsministerium einen Auftrag über umgerechnet 2,7 Mrd. USD für eine KI-gestützte militärische Trainingsplattform. Auf Rheinmetall entfällt ein Anteil von knapp 1 Mrd. EUR. Das System schafft digitale Gefechtssimulationen für bis zu 60.000 Soldaten pro Jahr und erweitert die britische Präsenz des Düsseldorfer Konzerns.
Die Geldpolitik bleibt ebenfalls im Fokus. Die EZB signalisiert für Donnerstag eine abwartende Haltung. Die zuletzt moderatere Inflation gibt den Währungshütern Spielraum, während die hohen Energiepreise noch nahe dem zuletzt unterstellten Basisszenario liegen. Zusätzliche Impulse liefern globale Einkaufsmanagerindizes sowie Inflationsdaten aus Großbritannien, Japan und Mexiko.
Newsflash (Sektoren & Trends)
Im KI-Sektor nimmt der Wettbewerb zwischen den USA und China weiter zu. Alibaba präsentiert eine Vorschau seines Modells Qwen3.8-Max mit 2,4 Billionen Parametern und ordnet die Leistungsfähigkeit direkt hinter Anthropic Fable 5 ein. Die vollständigen Modellgewichte stehen nach Angaben des Konzerns in Kürze offen zur Verfügung. Die Aussicht auf eine Integration von Qwen in Geräte von Apple stärkt nach Einschätzung von Smart Guotou Securities International die Kommerzialisierungschancen. Die Aktie gewinnt zeitweise 5,4 %. Parallel bereitet das von Alibaba unterstützte Start-up Moonshot AI innerhalb von sechs Monaten einen Börsengang vor. Dessen Modell Kimi K3 arbeitet mit 2,8 Billionen Parametern. Invesco sieht China laut Fondsmanager Paul Jackson weiterhin als einen der wenigen großen Aktienmärkte mit attraktiver Bewertung.
Der Börsenplatz Hongkong prüft längere Handelszeiten und damit eine stärkere Angleichung an internationale Standards. Derzeit zählt Hongkong neben Festlandchina und Tokio zu den wenigen großen Märkten mit einer festen Mittagspause. In Südkorea wächst zugleich die Sorge vor einem spekulativen, stark durch Privatanleger getriebenen Boom. Für Präsident Lee Jae Myung entsteht damit ein Zielkonflikt zwischen der Förderung nationaler KI-Ambitionen und der Vermeidung eines ausgeprägten Boom-und-Bust-Zyklus.
Im US-Konsumsektor zeigt Domino’s Pizza ein gemischtes Bild. Der Umsatz steigt um 4,3 % auf 1,19 Mrd. USD und liegt knapp über dem Konsens von 1,18 Mrd. USD. Der Gewinn je Aktie erreicht 4,07 USD und verfehlt die Erwartung von 4,17 USD. Besonders schwach entwickelt sich das bestehende Filialnetz: Die vergleichbaren US-Umsätze wachsen lediglich um 0,1 %, international ergibt sich währungsbereinigt ein Rückgang von 0,1 %. Höhere Lieferpreise, Wechselkurse und Neueröffnungen tragen damit einen großen Teil des Wachstums. Gleichzeitig streben Jersey Mike’s Subs und seine Aktionäre mit einem Börsengang ein Emissionsvolumen von bis zu 1,09 Mrd. USD an und nutzen die Belebung des US-IPO-Marktes.
In der Sicherheits- und Verteidigungstechnik meldet Elbit Systems mehrere Verträge der US-Grenzschutzbehörde im Gesamtwert von mehr als 370 Mio. USD. Die Laufzeit bis Mai 2029 erhöht die Umsatzvisibilität im nordamerikanischen Geschäft. Vernetzte Sensoren, Überwachungstechnik und Echtzeit-Datenauswertung ergänzen das militärische Portfolio. Das konzernweite Auftragspolster liegt bei mehr als 30 Mrd. USD.
Auch die Finanzindustrie erschließt neue Wege zur Mobilisierung illiquider Vermögenswerte. UBS strukturiert Beteiligungen an Private-Credit-Fonds als Anleihe und strebt laut Bloomberg ein A2-Rating von Moody’s an. Eine Absicherung durch Nationwide Mutual Insurance stärkt die Bonitätsstruktur. Das Modell zeigt, wie Banken private Fondsanteile bündeln, in unterschiedliche Risikoklassen aufteilen und daraus für Versicherer und Pensionskassen geeignete Investment-Grade-Papiere schaffen. Die Verbriefung privater Märkte entwickelt sich damit zu einem wichtigen Innovationsfeld der Wall Street.
Top 5 Stocks USA (Deep Dives)
Alphabet (GOOGL) – KI-Megacap unter Beweisdruck: Gemini-Chip und Quartalszahlen rücken in den Fokus!
Alphabet entwickelt laut The Information einen neuen Serverchip, der den technischen Bauplan des Gemini-KI-Modells direkt integriert. Der Ansatz vertieft die vertikale Kontrolle über Modelle, Rechenzentren und Cloud-Dienste und kann die Abhängigkeit von externen Chipanbietern reduzieren. Die Aktie reagiert mit Aufschlägen.
Der Quartalsbericht am Mittwoch bildet den ersten großen Belastungstest der laufenden Big-Tech-Saison. Analysten sehen Alphabet wegen Gemini, eigener Rechenzentrumschips und der Expansion von Google Cloud grundsätzlich als Gewinner des KI-Wettlaufs. Gleichzeitig steigt der Investitionsdruck: Die erwarteten Kapitalausgaben verdoppeln sich im laufenden Jahr auf rund 187 Mrd. USD. Der Kurs liegt zwar seit Jahresbeginn etwa 11 % im Plus, aber zugleich rund 14 % unter dem Hoch vom Mai.
Für Anleger zählt daher nicht nur das Umsatzwachstum. Entscheidend sind Fortschritte bei Cloud-Margen, KI-basierten Werbeprodukten und der Monetarisierung von Gemini. Zusammen mit Tesla, Microsoft, Meta Platforms, Apple und Amazon prägt Alphabet einen Block, der rund ein Viertel der Marktkapitalisierung des S&P 500 stellt.
Meta Platforms (META) – Vom KI-Nutzer zum Infrastrukturvermieter: Anthropic-Deal eröffnet neue Erlösquelle!
Meta Platforms verhandelt laut Medienberichten über die Vermietung von Rechenkapazität an Anthropic. Das mögliche Abkommen erreicht über zwei Jahre ein Volumen von bis zu 10 Mrd. USD. Monatliche Zahlungen schaffen für Meta die Chance, Teile seiner gewaltigen KI-Infrastruktur unmittelbar zu monetarisieren.
Für Anthropic verbessert zusätzliche Kapazität die Verfügbarkeit der Claude-Modelle, die unter der Knappheit leistungsfähiger NVIDIA-Systeme leiden. Meta erschließt im Gegenzug potenziell ein neues Geschäftsfeld jenseits von Werbung, Social Media und eigenen KI-Anwendungen. Die Gespräche befinden sich jedoch in einem frühen Stadium; beide Seiten verfügen Berichten zufolge über Möglichkeiten zur vorzeitigen Beendigung. Ein verbindlicher Abschluss steht nicht fest.
Die Investment-Story dreht sich damit zunehmend um die Kapitalproduktivität der Rechenzentren. Gelingt die externe Vermarktung freier Kapazitäten, wandelt sich ein Teil der hohen Investitionen von einem reinen Kostenblock zu einer eigenständigen Umsatzquelle.
Bristol Myers Squibb (BMY) – KI trifft Biopharma: Vera-Rubin-System beschleunigt die Wirkstoffsuche!
Bristol Myers Squibb erweitert die Zusammenarbeit mit NVIDIA und erwirbt ein DGX SuperPOD auf Basis der neuen Vera-Rubin-Architektur. Nach Unternehmensangaben ist der Pharmakonzern der erste Life-Sciences-Anbieter mit einem solchen System. Die finanziellen Konditionen bleiben offen.
Forschungschef Robert Plenge sieht die Rechenkraft als Hebel für eine breitere und schnellere Prüfung potenzieller Wirkstoffkandidaten. Die Entwicklungsdauer verkürzt sich bereits um 20 % bis 30 %; perspektivisch hält das Unternehmen eine Reduktion um bis zu 50 % für möglich. Ein Wirkstoffansatz gegen Sichelzellkrankheit verdeutlicht den strategischen Nutzen, da die Entdeckung ohne KI-Unterstützung nach Einschätzung des Forschungschefs kaum zustande kommt.
Für Anleger liegt der Wert nicht allein in niedrigeren Forschungskosten. Eine höhere Trefferquote in frühen Entwicklungsphasen kann Fehlinvestitionen begrenzen und die Produktpipeline stärken. Zugleich bestätigt die Partnerschaft die Ausweitung des NVIDIA-Ökosystems von Rechenzentren auf die KI-gestützte Medikamentenentwicklung.
AMC Entertainment (AMC) – Kino-Comeback mit Überraschung: Umsatz und Ergebnis schlagen den Konsens!
AMC Entertainment übertrifft im zweiten Quartal die Erwartungen deutlich. Der bereinigte Gewinn erreicht 0,14 USD je Aktie, während Analysten einen Verlust von 0,04 USD erwarten. Der Umsatz wächst um 14 % auf 1,59 Mrd. USD und liegt über der Konsensschätzung von 1,50 Mrd. USD. Auch die Besucherzahl steigt um fast 14 %.
Zusätzliche Dynamik liefert der starke Publikumszuspruch für Christopher Nolans „The Odyssey“. Innerhalb von vier Tagen besuchen weltweit mehr als 4,3 Mio. Menschen die Kinos des Konzerns. CEO Adam Aron bezeichnet das Quartal als das stärkste in der 106-jährigen Unternehmensgeschichte. Die Aktie springt kräftig nach oben und zieht auch IMAX sowie Cinemark mit.
Die Zahlen stützen die These einer operativen Normalisierung nach jahrelanger Branchenkrise. Wegen der weiterhin hohen finanziellen Risiken und der ausgeprägten Meme-Aktien-Dynamik bleibt AMC jedoch ein hochspekulatives Investment.
IREN (IREN) – KI-Cloud mit Milliarden-Backlog: Neue Verträge treiben das Umsatzziel!
IREN sichert sich mehrjährige KI-Cloud-Verträge mit einem Gesamtwert von 2,8 Mrd. USD. Zu den Kunden zählen Microsoft, NVIDIA, Perplexity, Figure AI und Together AI. Die gewichtete durchschnittliche Vertragslaufzeit liegt bei rund vier Jahren und verbessert die Planbarkeit des jungen Infrastrukturgeschäfts.
Das Unternehmen erhöht sein Ziel für die annualisierte Umsatzrate zum Jahresende 2026 von 3,7 Mrd. USD auf mehr als 4 Mrd. USD. Rund 85 % dieses Ziels sind vertraglich abgesichert. Co-CEO Daniel Roberts verweist auf den rasanten Ausbau der selbst errichteten Cloud-Kapazität von rund 3 Megawatt auf 480 Megawatt innerhalb von zwölf Monaten. Für 2027 strebt IREN 1,2 Gigawatt an.
Die vertikale Integration ermöglicht hohe Skalierung und direkten Zugang zu der knappen Rechenleistung für KI-Modelle. Dem stehen ein erheblicher Kapitalbedarf, Ausführungsrisiken beim Bau neuer Kapazitäten und die Abhängigkeit von Energieversorgung sowie Hochleistungschips gegenüber. Die Aktie bleibt damit eine wachstumsstarke, aber entsprechend volatile Wette auf den Ausbau globaler KI-Rechenzentren.